Zeitsprung:
Ich bin in der DDR aufgewachsen. In Ermangelung der zahlreichen technischen Gerätschaften von heute, verbrachte ich meine Zeit mit damit zu lesen. Ich ging in die Bibliothek oder in eine der zahlreichen Buchläden in meiner Heimatstadt. Bücher waren spottbillig, politisch korrekt und tja wen wundert es selektiert, von Lektoren, Verlagen und wahrscheinlich der Partei. Mich hat das damals nicht interessiert (ich wusste es nämlich gar nicht) – sondern ich las, was das Zeug hielt. Vielleicht erinnert der ein oder andere von Euch sich an „Das Puppenheim in Pinnow“ – das war damals ein echter Reißer, der sogar mit Walter Plathe in der Hauptrolle verfilmt wurde. Sein nackter Hintern, als er im Lehrlingswohnheim beim … erwischt wurde, verfolgt mich heute noch ;-).Puppenheim

Dann die Wende:
Große bunte Welt der sozialen Marktwirtschaft mit den bunten inhabergeführten Buchläden der Nachwendezeit. Massenhaft Bücher – deutlich teurer natürlich. Auch politisch korrekt – wenn auch das Erscheinen eines Buches nicht mehr abhängig war, vom Willen der Parteigenossen, doch aber immer noch von Verlagen, Lektoren – nun auch vom Willen der Buchhändler – eine ganze Zunft, die darüber bestimmt, welches Buch zu gefallen hat – oder besser: welches sich am Besten verkauft und ordentlich Geld in die Kassen aller Beteiligten spült (Den Autor lasse ich hier mal außen vor ;-).

Zeiten ändern sich:
Plötzlich gab es große Buchhandelsketten, die ihre Leser mit Cappuccino, allerlei Tand und großen Bestsellertischen dazu verlockten, Bücher zu kaufen. Schaut man auf eben diese Tische, sehen alle Bücher irgendwie gleich aus – ob Thriller, Romance oder Love/Landscape – egal welcher Autor – die Bücher ähneln sich, das es fast schon gruselig ist. Wer entscheidet, was da liegt immer noch natürlich ihr wisst schon.

Und nun schlägt in diese große heile Welt plötzlich ein Meteor ein – könnte man meinen – dabei hat Meteor Amazon sich nicht gerade angeschlichen, sondern agiert schon seit Jahren fröhlich am Markt. Was also hat sich verändert? Klar – die Einführung des E-Books. Plötzlich sind Bücher überall und jederzeit erhältlich. Wer wollte das schon? Bestimmt nicht die Lektoren, Verlage oder Buchhändler. Trotzdem hat Amazon ein weltweites Vertriebssystem und das perfekte Gerät dafür entwickelt und bezahlt. Nun gilt es dagegen auf die Barrikaden zu gehen – mit wahren und wenn das nicht hilft, mit unwahren Behauptungen. Findet sich doch sowieso keiner mehr durch im Gewirr der Anschuldigungen. Ich hab’s versucht, möchte damit aber wirklich niemanden langweilen. Allerdings ist ein Auseinanderdividieren der Interessen durchaus spannend. Da selektiert Libri Bücher ungeliebter Verlage einfach aus, damit der Buchhandel bloß nicht auf die Idee kommt, diese Bücher zu bestellen. Verlage und Lektoren bestimmen noch wie anno knips, was verlegt und gelesen werden soll und große Medienkonzerne benutzen ihre Zeitungen für Hexenjagden und, und, und.

Um einem Argument gleich vorzubeugen – ich bin nicht vorbehaltlos für Entwicklungen, die Amazon bisher nur vormacht. Tief in meinem Herzen bin ich nämlich immer noch links. Allerdings bin ich auch demokratisch und meinetwegen liberal. Ich bin dafür, dass jeder Autor schreiben kann was er möchte und die Möglichkeit bekommt, seine Werke zu veröffentlichen. Amazon hat den Autoren, die sich trauen diesen Weg allein zu gehen dazu eine Möglichkeit geboten. Und nun können Leser Bücher kaufen, die nicht ausgesucht sind. Bücher, die vielleicht trotzdem gemocht werden. Bücher, die auch gern im Buchhandel gelegen hätten, aber keine Chance bekommen haben.
Ich bin froh darüber und wünsche mir trotzdem manchmal, dass die Welt kurz stehenbleibt und sich ausruht – allerdings wird das wohl ein frommer Wunsch bleiben (denken darf man das trotzdem).