weil es nur eine Frage der Zeit war, bis mich so ein vorwurfsvoller Brief erreicht, antworte ich einmal öffentlich darauf, damit nicht noch andere Beteiligte sich die Mühe machen müssen. Zeit ist schließlich auch Geld.

Sehr geehrte Frau Woolf,
ich schreibe hier einmal als Fan der Götterfunke-Trilogie, aber auch als Frau mit einem vom Aussterben bedrohten Beruf: Buchhändlerin! Erst einmal war ich sehr begeistert von Götterfunke und empfehle es jeder Kundin, die eine schöne romantische Abenteuergeschichte sucht. Leider kommen immer weniger junge Leute in die Buchhandlung, was auch viel am Onlinehandel liegt, vor allem aber an Amazon. Daher kann ich es überhaupt nicht gutheißen, dass Sie als Autorin auch noch Werbung für Amazon machen! Ich habe soeben den Post für den letzten Teil von „Federleicht“ gesehen, auf dem Sie direkt auf Amazon als Bestellmöglichkeit hinweisen. Auch wir im Buchhandel können unseren Kunden das Buch vormerken und wenn Sie einen Link posten möchten, dann bitte doch den vom Verlag, in dem Ihr Buch erschienen ist. Ich weiß, dass Sie sicherlich über Amazon großen Absatz mit Ihren Büchern machen, aber wir Buchhändler machen Leser zu Fans. Wir sind es, die unbekannte Autoren durch Empfehlungen an Kunden bekannt machen. Wir legen Bücher ans Herz und nicht nur in den Versandkarton! Ich bitte Sie, dies einfach mehr zu berücksichtigen und sich vielleicht eher für den stationären Handel stark machen und nicht für Amazon. Oder gehen Sie etwa nicht gern in die Buchhandlung um die Ecke und stöbern stundenlang durch den Laden?

Liebe Buchhändlerin,

ich schreibe hier als Liebhaberin des geschriebenen Wortes, die durchaus das Engagement aller Beteiligten zu schätzen weiß und ich möchte auch kein Blatt vor den Mund nehmen, denn wir sind ja unter uns und Sie haben es ja auch nicht getan.
Ich kann mir vorstellen, dass es in der heutigen Zeit sehr schwierig ist, einen kleinen Buchladen am Laufen zu halten, aber das geht Schustern und Schneiderinnen nicht anders und bevor jetzt wieder der große Aufschrei kommt – Bücher sind etwas total Besonderes und nicht vergleichbar mit Schuhen und Kleidern – wende ich direkt ein, dass Schuster und Schneider das wohl anders sehen. Die haben nämlich keine Schuhpreisbindung und kein Remissionsrecht und das, obwohl wir ohne Schuhe und Klamotten nicht auf die Straße gehen können, ohne Bücher schon (obwohl ich persönlich das für einen Frevel halte). Aber es geht nicht nach mir und auch nicht nach all den anderen Buchmenschen.

Leider lesen immer weniger junge Menschen Bücher. Hhm – woran könnte das wohl liegen? An mir sicher nicht. Ich gebe mein Bestes, um Geschichten zu schreiben, die auch junge Menschen fesseln und das im Übrigen seit 2011. Zu diesem Zeitpunkt wollte kein Verlag diese Geschichten verlegen und ich bin sehr sicher, wenn ich damit an ihrer Tür geklingelt und gefragt hätte, ob sie meine Bücher verkaufen möchten, hätten Sie müde gelächelt. Infrage kam also nur Amazon, was nett war, auch wenn wir nicht über den Quatsch mit der Demokratisierung des Buchmarktes reden brauchen. Amazon ging es lediglich darum, massentauglichen Content für ihre E-Book-Reader zu produzieren, aber so funktioniert Marktwirtschaft nun mal. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst und das war nicht die deutsche Buchbranche, die das Zeug dazu gehabt hätte, weil Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt noch als eins der attraktivsten Leseländer galt. Aber man hatte es sich in seiner Kuschelecke so super bequem eingerichtet, jetzt mit 6 Millionen Lesern weniger sieht das natürlich anders aus.

Aber zurück zu mir. Eine Million verkaufte Exemplare später sah die Situation auch bei mir anders aus und ich möchte betonen, dass nicht Sie meine Leser zu Fans gemacht haben, sondern ich ganz alleine und zwar mit harter Arbeit. Und ich kann sagen, dass ich ganz, ganz tolle und treue LeserInnen habe. Aber ich habe diese zu Fans und Bücherwürmern gemacht und eben auch der Vernichter des Abendlandes namens Amazon. Ich war also womöglich gar nicht so unbekannt, auch wenn Sie, verehrte Buchhändlerin, mich offenbar nicht kannten. Meine Geschichten haben Leserherzen erobert, lange bevor Sie diese entdeckt haben, weil ein Verlagsvertreter sie Ihnen unter die Nase gehalten hat und weil Sie sich vom Verkauf meiner Bücher Umsatz versprechen. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn es ist genau das, was ich auch tue, wie jeder Berufstätige auf dem Planeten, der seine Kinder satt kriegen und seine Miete bezahlen möchte.

Ich wünsche mir oft, Menschen würden mal einen Schritt zur Seite treten und einen neuen Standpunkt einnehmen. Nämlich den eines anderen, anstatt mit Vorwürfen um sich zu werfen. Aber Angriff ist eben immer noch die beste Verteidigung. Viel klüger wäre es, sich zu überlegen, ob man nicht viel besser mal Konfetti in sein eigenes Leben pustet, ob man nicht alte Fehler auszumerzen könnte, einen anderen Weg einschlägt, Veränderungen zulässt. Frischer Wind lässt zwar erstmal alles fliegen, aber meistens landet auch alles wieder irgendwo und längst geht nicht immer alles zu Bruch. Am Beginn steht dafür allerdings eine Bestandsaufnahme des Alten.
Ich verdeutliche mal, was ich damit meine:

Warum gibt es eigentlich immer weniger junge Leser und was hat die Buchbranche womöglich falsch gemacht, um dies passieren zu lassen. Amazon, Netflix, Facebook und Instagram die Schuld zu geben ist natürlich bequemer und weniger schmerzhaft aber nicht zielführend. Man könnte stattdessen fragen:
Liegt es daran, dass es in fast jedem Buchladen dieselben Bücher zu kaufen gibt und es kaum Alleinstellungsmerkmale der Läden gibt?
Liegt es daran, dass ständig dieselben Bücher und Autoren auf Bestsellerlisten auftauchen und sich auf den großen Tischen versammeln?
Ist das Lesen zu langweilig geworden, weil Inhalte kaum unterscheidbar sind?
Liegt es daran, dass man ständig dieselben Cover sieht und man Bücher kaum voneinander unterscheiden kann?
Haben die Verlage es versäumt deutsche AutorInnen zu fördern und Autorenmarken aufzubauen und stattdessen lieber für teures Geld englische Geschichten eingekauft?
Könnte es daran liegen, dass es Jugendlichen kaum möglich ist, sich mit AutorInnen zu identifizieren, mit jedem x-beliebigen Schauspieler/Musiker/YouTube Star schon?
Könnte es daran liegen, dass für Verlage nicht die LeserInnen der Endkunde sind, sondern die BuchhändlerInnen?
Könnte es sein, dass der Buchhändlergeschmack vom Lesergeschmack abweicht?
Könnte, könnte, könnte …. ich könnte ewig so weiter machen, möchte aber niemanden langweilen und ehrlich gesagt, muss ich auch arbeiten.

Fakt ist, Schema F hat jahrzehntelang funktioniert und damit ist jetzt Schluss und der Aufschrei ist groß. Nun die Autoren dafür in die Verantwortung zu nehmen, ist genauso peinlich wie unverschämt, da die Autoren sowieso seit jeher am Ende der Nahrungskette eines Buches stehen, was vielen Lesern nicht bewusst ist, aber das ist ein anderes Thema. Ich denke, es ist klar geworden, was ich sagen will. Jeder darf sich dazu gern auch eigene Gedanken machen.

Vielleicht noch ein Satz zum Schluss, liebe Buchhändlerin: Ich will hier keine Lanze für das Selfpublishing brechen, denn ich erwarte gar nicht, dass Sie sich die Zeit nehmen, in diesen Untiefen abzutauchen, um etwaige Perlen ans Licht zu befördern. Aber sich zu überlegen, was seinen Laden, sein Geschäft zu etwas Besonderem macht, ist täglicher Alltag aller Selbständigen, Unternehmer, Gewerbetreibenden. Im Übrigen ist es das, was ich auch für mich in Anspruch nehme und es steht Ihnen schlicht und ergreifend nicht zu, mir das zum Vorwurf zu machen. Ich entscheide selbst, wo und wann und wie ich meine Bücher veröffentliche, denn ich gehe dahin, wo die Leser sind. Ich freue mich natürlich, wenn es in dem kleinen Buchladen um die Ecke ist, aber ihn dorthin zu locken, ist ihre Aufgabe nicht meine. Ich schreibe nur die Geschichten, die dann ihr Handwerkszeug dazu sein können.

Trotz der großen Probleme des deutschen Buchmarktes wünsche ich mir für die Zukunft jedoch eine friedliche Koexistenz aller Leser, Händler, Verlage, Selfpublisher, Verlags- und Hybridautoren, denn es gibt eins, was uns verbindet – wir wollen, dass die Welt liest.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Marah Woolf

PS: Falls Sie jetzt darüber nachdenken, meine Bücher nicht mehr zu empfehlen, dann ist das zwar schade, aber ich werde es überleben. Sollte ich mich an der ein oder anderen Stelle im Ton vergriffen haben, entschuldige ich mich hiermit selbstverständlich in aller Form.